Räume des Lichts

Glasmalereien im Mittelalter

Die Glasmalerei

Die gotische Architektur ist eine Architektur des Lichts. Die innovative Technik des Spitzbogens und der Strebebögen machte es den mittelalterlichen Baumeistern möglich, hohe schlanke Räume zu bauen und die Wandflächen "aufzulösen". Diese Wunderwerke mussten den damaligen Menschen wie die göttliche Botschaft in Stein gebaut vorgekommen sein - lichtvoll und überwältigend. 

Anders als heute, sollte das Sonnenlicht jedoch nicht strahlend hell in die Kirchenräume fallen. Zwischen die Welt draußen und den heiligen Ort des Gottesdienstes wurde ein "Filter" eingebaut: Bunte Glasscheiben mit ornamentalen und figürlichen Motiven erschufen eine Wunderwelt aus leuchtenden, bunten Heiligenfiguren und farbigen Schatten. 

Verluste an Glasmalereien

Mittelalterlichen Glasmalereien sind in der Marienkirche heute nicht mehr erhalten. Über den tatsächlichen Bestand können wir nichts sagen. Es ist aber zu vermuten, dass diese bedeutende Kirche reich mit Glasmalereien ausgestattet war. Verschiedenste Gründe führen über die Jahrhunderte hinweg zum Verlust von Glasmalereien: Kriegsverluste, Steinschlag, Vandalismus, Modernisierungen, Alterungsprozesse - Glas ist leider ein zerbrechlicher Werkstoff.

Sicher ist nur, dass noch bis 1942 ein großes Buntglasfenster aus der Marientidenkapelle erhalten war. Es zeigte eine Krönung Mariens.
Besonders schmerzhaft ist, dass in der Marienkirche zahlreiche Glasmalereien aus der 1819 abgebrochenen Burgkirche eingelagert waren. Einige von ihnen waren im 19. Jahrhundert von dem bekannten Maler und Konservator Carl Julius Mild in damals moderne, neugotische Glasmalerein integriert worden. Andere lagerten in Kisten verpackt in der Kapelle unter dem Südturm. Genau an der Stelle, an der 1942 die Glocken herabstürzten.

Nicht der Standard 

Glasmalereien sind jedoch auch in mittelalterlichen "Neubauten" nicht Standard. Die Anfertigung von Glasmalereien war kostspielig. Für die Fenster mussten Stifter gefunden werden, die das Geld für Herstellung und Einbau aufbrachten. Dies geschah oft in jahrelanger Sammeltätigkeit. 
Ein Blick auf die Vielzahl und Größe der Fensterflächen in der Marienkirche, macht deutlich, was für ein finanzieller Aufwand betrieben werden müsste, um alle Fenster mit Glasmalereien zu versehen. 
Glasmalerien sind in der Regel nicht in Dorfkirchen zu finden, sondern in Pfarrkirchen größerer Städte. Hier gab es wohlhabende Bürger, die etwa durch testamentarische Verfügungen Gelder zur Verfügung stellten. Auch in Stifts-, Kloster- und natürlich den Bischofskirchen (Kathedrale, Dom) standen ausreichende Ressourcen bereit.
Der Standard der mittelalterlichen Verglasung bestand aus kleinteiligen transparenten Scheiben in Rautenform.

In der Regel wurden und werden auch heute noch für einzelne Fenster oder Fenstergruppen Glasmalereien gestiftet. So sind häufig vollständige moderne Verglasungen der Chorraumfenster oder einzelner Kapellen zu finden. 

Ein Fake - Glasmmalerei als Gestaltungselement

Fenster sind in der Architektur nicht nur nützliche Elemente, die für Licht und Durchlüftung in den Räumen sorgen. Sie dienen auch als zeittypisches Gliederungs- und Gestaltungselemente. Die Unterschiede werden beosnders deutlich, wenn man die kleinen Fenster in den dicken Mauern romanischer Kirchen mit den hohen, mehrbahnigen Fenstern großer gotischer Kirchen. Manchmal begegnet sie uns ihre Struktur in Form der Gliederung in hohe, schmale Lanzetten und der Unterteilung in quadratische Bildeinheiten, die als Dekoration der Wand dienen. Ein Beispiel dafür findet sich an der Südwestwand der Marienkirche. Auf den Stuck gemalte "Fenster" kaschieren die Wände zur Briefkapelle hin. 

Über dem Portal der Briefkapelle befindet sich das sogenannte Fabelfenster. Es zeigt Darstellungen aus der Welt der Fabeln. Sie haben einen moralisch-belehrenden Charakter haben, wie etwa der Esel, der versucht, mit einer Nadel einen Helm zu besticken.

Leider ist von den ursprünglichen Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert kaum noch etwas erhalten. Was wir heute sehen, sind großzügige Ergänzungen aus den 1950er Jahren. Sie sind Teil eines der größten Kunstfälscherskandale der Nachkriegszeit in Deutschland und mit dem Namen Lothar Malskat verbunden.

Innovation und Experimentierfreude

Für die Neugestaltung der Marienkirche spielte die Glasmalerei seit den 1950er Jahren eine bedeutende Rolle. Bekannte Künstler erhielten Aufträge für einzelne Fenster oder Fensterzyklen, wie etwa der berühmte Glasmaler Johannes Schreiter.

Die Gestaltung von Kirchenfenstern ist eine Hauptaufgabe zeitgenössischer kirchlich beauftragter Kunst. Vor allem für Kirchenneubauten im "Bauboom" der 1960er Jahre oder im Rahmen der Renovierung kriegszerstörter historischer Kirchen entstanden deutschlandweit zahllose moderne Glasmalereien.
Nicht nur die Großprojekte namhafter Künstler*innen beweisen die technische und künstlerische Qualität zeitgenössischer Glasmalerei. Auch kleinere Bau- und Renovierungsvorhaben zeigen das innovative Potenzial einer uralten Werktechnik. Es lohnt sich genauer hinzuschauen.