Marien.Impuls

Gedanken für Dich und Dein Leben

Glaube und Leben

Greif nach dem goldenen Ring

 

 

Der Sommer hat eine merkwürdige Eigenschaft: Er macht uns für ein paar Wochen zu besseren Versionen unserer selbst. Wir sitzen länger draußen. Wir schauen weniger auf die Uhr. Manchmal sogar weniger aufs Handy. Und plötzlich reichen Kleinigkeiten: ein Eis, ein See, ein Gespräch, das kein Ziel haben muss.

Am Ende seines Romans Der Fänger im Roggen beschreibt J. D. Salinger eine Szene auf einem Karussell. Holdens kleine Schwester dreht ihre Runden. Dabei versuchen die Kinder, nach dem goldenen Ring zu greifen, der bei jeder Runde kurz in Reichweite kommt. Holden sagt:

„Wenn Kinder nach dem goldenen Ring greifen wollen, muss man sie greifen lassen.“

Was für ein schöner Gedanke.

Denn Erwachsene sind Weltmeister darin, Chancen auszurechnen. Wir wissen, was nicht klappt. Was zu riskant ist. Was sich vermutlich nicht lohnt. Kinder haben dafür eine andere Begabung: Sie strecken die Hand aus.

Das mag die eigentliche Kunst des Sommers sein: sich daran zu erinnern, dass nicht alles im Leben berechnet werden muss. Dass ein Umweg manchmal schöner ist als die Abkürzung. Dass ein Gespräch wichtiger sein kann als der nächste Termin. Dass Vertrauen keine naive Idee ist, sondern eine Lebenshaltung.

Jesus erzählt einmal von Menschen, die das Reich Gottes nur verstehen, wenn sie es mit den Augen eines Kindes ansehen. Ich glaube nicht, dass er meinte, wir sollten kindisch werden. Wohl aber kindlicher. Neugieriger. Weniger zynisch. Bereit, die Hand auszustrecken – nach einem Traum, einer Begegnung, einer Versöhnung oder einfach nach einem goldenen Ring, der vielleicht gar nicht aus Gold ist.

Der Sommer geht vorbei. Das ist seine größte Schwäche.

Oder seine größte Stärke.

Denn gerade weil er nicht bleibt, erinnert er uns daran, dass das Leben immer wieder Momente bereithält, nach denen es sich lohnt zu greifen.

Pastor Robert Pfeifer

St. Marien Westwerk