Stein

Für die Ewigkeit gemacht

In Stein gehauen 

„Das ist doch nicht in Stein gemeißelt!“ Wer diesen Spruch hört, kann sich entspannen. Nicht nur das gesprochene Wort, auch das geschriebene – ob auf Papier oder in digitalen Medien – ist vergänglich. Was heute gesagt oder geschrieben wurde, kann morgen schon wieder überholt und nichtig sein.

Anders ist es mit dem Wort, das in Stein gemeißelt ist. Es bleibt bestehen. „Sehr gut“, sagen die Archäolog*innen und freuen sich. Steinerne Schrifttafeln, Skulpturen, Reliefs und Grabmäler haben viele Jahrtausende überdauert und helfen uns heute, alte, längst vergangene Kulturen zu verstehen. Nicht zuletzt ermöglichen uns auch die Ruinen von Gebäuden tiefe Einblicke in die Alltagswelt vergangener Menschen.

Diese Bedeutung des Steins als eine Art Zeitkapsel, in der Erinnerungen über lange Zeiträume erhalten bleiben, ist für uns heute besonders in einem Bereich wichtig: der Grabkultur. Auf den Grabsteinen sind die Namen unserer Verstorbenen in Stein gemeißelt. Der Stein trägt ihre Erinnerung weiter – über unsere eigene Lebensspanne hinaus bis in die Ewigkeit.

Stein für Stein

„Stein“ ist ein Sammelbegriff, ähnlich wie Metall und Holz. Er bezeichnet kristalline Objekte, die aus Mineralien bestehen. Diese Objekte unterscheiden sich unter anderem in ihrer Zusammensetzung und Entstehung. Für die (Bau-)Geschichte der Marienkirche sind jedoch nur wenige Steinarten von Bedeutung wie zum Beispiel Granit, Sandstein, Kalkstein und Marmor.

An erster Stelle steht jedoch ein Stein, der kein natürlich vorkommender Stein ist, sondern künstlich hergestellt wird – der Backstein oder Ziegel. Im gesamten norddeutschen Raum bis nach Polen war der Backstein im späten Mittelalter der bevorzugte Baustoff. Hunderte Kirchen, Klöster, Rathäuser und Privathäuser entstanden im Ostseeraum, an der Nordsee sowie in Niedersachsen und Brandenburg. Im „Bauboom“ des 13. und 14. Jahrhunderts wurden Millionen von Backsteinen verbaut.

Der Backstein ersetzte die schwer zu bearbeitenden Feldsteine und Findlinge, die lange Zeit als natürlicher Rohstoff den Festungs- und Kirchenbau geprägt hatten. Außerdem war Backstein eine bessere Alternative zu Holz, da dieses leicht feuergefährlich ist.
Für die großangelegte Backsteinproduktion waren Lehmvorkommen erforderlich, wie sie beispielsweise rund um Lübeck vorhanden waren. Die Transportwege waren kurz und die Herstellung des Backsteins einfach. Zudem erlaubte der Herstellungsprozess eine erfreulich große Vielfalt an gestalterischen Möglichkeiten im Architekturdekor. Die Backsteine mussten lediglich in entsprechende Holzformen gestrichen werden, um die gewünschte Form zu erhalten.
Dem Backstein verdankt eine ganze Epoche ihren Namen – die Backsteingotik.

So tun als ob ...

Die Backsteingotik hat eine ganz eigene Formsprache entwickelt. Im Vergleich zu gotischen Kirchen, die aus Sandsteinblöcken erbaut wurden, ist ihr Formenreichtum jedoch deutlich reduziert. Das beliebte Maßwerk, mit dem Fensterrahmen verziert wurden, ließ sich aus großen Sandsteinblöcken leichter herausarbeiten als durch die Aneinanderreihung einzelner Formsteine. Filigrane Türmchen, aufgesetzte „Krabben“ und Kreuzblumen sowie Skulpturen auf Maßwerksockeln und unter Baldachinen sind in der Backsteingotik nicht zu finden. Stattdessen bieten die Fassaden aus Ziegeln ein faszinierendes Spiel aus rotem Backstein, weiß abgesetzten Blenden, Maßwerkmustern und an manchen Stellen schwarz glasierten Ziegeln.

Lange Zeit galt Werkstein als der hochwertigere Baustoff. Nicht nur in der Backsteingotik, sondern bereits viele Jahrhunderte zuvor, kaschierte man deshalb vor allem im Innenraum der Kirchen den Backstein. In Italien geschah dies unter anderem durch das Verblenden mit Marmorplatten. In Norddeutschland griff man zu einfacheren und kostengünstigeren Methoden: der Fugenmalerei. Sie imitiert Hausteinblöcke. Doch das ist nicht alles: Das zarte Netz aus roten Linien auf der weiß getünchten Wand rhythmisierte die Wandflächen. In der Marienkirche und der Katharinenkirche haben sich umfangreiche Reste einer solchen Fugenmalerei erhalten.

Akzente setzen

Einen reizvollen Kontrast zum roten Backstein bilden auch Architekturelemente aus hellem Werkstein oder Kunststein. Sie setzen Akzente an der Außenseite des Gebäudes sowie im Innenraum, zum Beispiel in Form dieses Restes des 1942 zerstörten Lettners oder der kleinen Kapitellbänder an den Bündelpfeilern im Chorraum. Häufig waren diese Elemente im Innenraum farbig bemalt.

Am Außenbau der Marienkirche sind beispielsweise die Portale der Briefkapelle, des Westportals und des heutigen Haupteingangs aus Werkstein gefertigt. Heller Kalkstein und Sandstein rahmen die Türen der Kirche mit einem eleganten Gewände.
Gewände sind schräg in die Wand eingeschnittene Umrahmungen von Fenstern und Portalen. In der gotischen Kirchenarchitektur waren sie oft mit Figuren geschmückt. Diese Figurenportale stimmten die eintretenden Besucher auf die Bedeutung der Kirche ein.
An der Marienkirche finden sich keine Figuren, stattdessen begleiten uns in Stufen angeordnete Säulchen und Kapitelle durch das Portal. Portale sind besondere Orte in Kirchen und werden daher auch gestalterisch hervorgehoben.

Bevorzugte Werkstoffe für diese Architekturelemente waren Sandstein und vor allem Kalkstein. Diese Steine mussten nach Lübeck importiert werden. Der Kalkstein kam hauptsächlich von der Insel Gotland in die Hansestadt – oftmals als Ballast in den Schiffen. Die Bearbeitung des Steins konnte sowohl in Werkstätten auf Gotland als auch in Lübeck erfolgen. Taufbecken aus gotländischem Kalkstein waren vom 13. bis zum 15. Jahrhundert sozusagen ein "Importschlager". Sie sind heute noch in zahlreichen Kirchen im norddeutschen Raum zu sehen.

Ein Meister seines Fachs

... war sicherlich der Bildhauer Heinrich Brabender. Bis 1537 betrieb er eine Bildhauerwerkstatt in Münster und exportierte von dort Großskulpturen sowie Reliefs in die umliegenden Regionen und bis nach Lübeck. Er war zu seiner Zeit ein bekannter und gefragter Bildhauer. Deshalb ist es kein Zufall, dass er zu Beginn des 16. Jahrhunderts vom Lübecker Ratsherrn Johann Salige mit der Herstellung von vier Reliefs für die Chorschranken der Marienkirche beauftragt wurde.

Über Westfalen verliefen die Handelsrouten vom Norden in die heutigen Niederlande. Auf diesen Wegen wurden nicht nur Waren des täglichen Bedarfs, sondern auch Luxusgüter sowie "geistliche Güter" transportiert. Dabei handelt es sich um Bilder und Skulpturen zur Kirchenausstattung. In Lübeck hatte man deshalb sicherlich im Blick, welche Kunsthandwerker in Münster und der Umgebung besonders gefragt und vor allem verlässliche Geschäftspartner waren.

Heinrich Brabender gelang es, die Reliefs wie kleine Bühnenräume zu gestalten, auf denen die Figuren lebendig agieren. Auf Augenhöhe werden wir Zeugen der dramatischen Ereignisse der Leidensgeschichte Jesu. Der gut zu bearbeitende Sandstein ermöglicht tiefe Hinterscheidungen und damit eine beeindruckende Plastizität der Figuren. Den Menschen des späten Mittelalters fiel es sicher sehr leicht, bei der Betrachtung dieser Bilder Andacht zu halten und Gebete zu sprechen.

Diese Art der bühnenartigen Inszenierung der Passionsgeschichte war damals in Lübeck nicht unbekannt. Sie ist sozusagen ein "Markenzeichen" der alten niederländischen Kunst und wurde schon lange über Westfalen an die Ostsee weitergegeben. Frühe Beispiele sind die Kreuzigungsreliefs im Ratzeburger Dom, in der Marienkirche in Anklam sowie im St.-Annen-Museum in Lübeck (Retabel der Zirkelbruderschaft).

Gut vernetzt

Die genannten Kreuzigungsreliefs in Ratzeburg, Anklam und Lübeck gehören zu einem interessanten Phänomen des frühen 15. Jahrhunderts in Lübeck und Umgebung. In dieser Zeit lässt sich ein regelrechter "Boom" der Steinskulptur beobachten: Mehrere Skulpturen und sogar Skulpturengruppen aus Sandstein gelangten als Stiftungen in die Kirchen. Die Steine beziehungsweise die fertigen Figuren stammten oftmals aus Westfalen.

Die Handelsbeziehungen zwischen Lübeck und Westfalen waren vielfältig. Schon seit der Gründung der Stadt bestand ein weit gespanntes Netz aus wirtschaftlichen und familiären Verbindungen. Viele Kaufleute aus Westfalen ließen sich in der jungen und aufstrebenden Handelsstadt an der Trave nieder und prägten seitdem Handel, Wirtschaft und politik der Hansestadt.

In Westfalen gab es ein Material, das im Norden sehr begehrt war: den natürlich vorkommenden Sandstein. Dieser wurde bereits neben dem gotländischen Kalkstein beim Bau der Marienkirche für besondere architektonische Akzente verwendet.
Im 14. und 15. Jahrhundert gewann der Sandstein zunehmend an Bedeutung als Material für die Herstellung von Skulpturen und Reliefs im Kircheninnenraum. Doch wer konnte es sich leisten, den Werkstoff von so weit her nach Lübeck transportieren zu lassen, und wer pflegte die Beziehungen zu Bildhauern, die mit der Bearbeitung von Stein vertraut waren?

Sandsteinskulpturen im Land der Backsteingotik waren ein klares Zeichen für Reichtum und gute Vernetzung. In die Marienkirche gelangte eine ganze Reihe von Steinskulpturen, unter anderem die erhaltenen Figuren vom alten Lettner. Eine besonders hochwertige Skulpturengruppe stiftete die Kompagnie der Bergenfahrer für ihre Kapelle zwischen den Türmen. Diese ist heute im St. Annen-Museum zu sehen und ein echtes Muss für jede*n Besucher*in!

Eine schöne Madonna

In der Marienkirche ist von diesem Stiftungstrend unter anderem diese schöne Madonna erhalten geblieben. Sie wurde vermutlich um 1420 von dem Ratsherrn Johannes Darsow gestiftet. Wahrscheinlich stand die Madonna ursprünglich in einem hölzernen Schrein, dessen Seitenflügel sich öffnen und schließen ließen, ähnlich einem Flügelretabel. Sie war für die private Andacht der Familie Darsow bestimmt.

Die Figur gehört zu einem Typus von Marienfiguren, der als "Schöne Madonna" bezeichnet wird. Dieser Typ war um das Jahr 1400 zwischen dem damaligen Königreich Böhmen und den Niederlanden weit verbreitet und hatte großen Einfluss auf nachfolgende Generationen von Bildhauern und Bildschnitzern. Charakteristisch ist der prächtige Faltenwurf des Mantels mit weit ausladenden Schüsselfalten und seitlich herabhängenden Faltenkaskaden. Diese Falten lenken den Blick auf die Figur des Christuskindes und scheinen sie zu „stützen“. Diese Dynamik der Falten wird besonders deutlich, wenn man sich bei der Betrachtung ganz auf deren Linien konzentriert.
Der Bildhauer der sogenannten Darsow-Madonna hat in seiner Darstellung verschiedene Varianten der "Schönen Madonnen" kombiniert. Vermutlich war er in Westfalen tätig.

Armenfürsorge und Heiligenverehrung

Die Begeisterung für den Stein aus der Ferne an hielt bis weit ins 15. Jahrhundert hinein an. Dafür ist eine meist übersehene Skulptur ein Beispiel. Sie befindet sich auf der nördlichen Seite, wenn du hinter dem Haupteingang rechts abbiegst. 
Nicht die erste Skulptur ist gemeint. Sie ist aus Holz und wurde 1505 von dem Lübecker Bildschnitzer Henning van der Heide geschaffen - ein übrigens sehr ausdruckstsarker Evangelist Johannes. Gemeint ist die zweite Skulptur dahinter - ein Heiliger Antonius. Die Skulptur ist weit über Augenhöhe befestigt, so dass du den Kopf ganz schön in den Nacken legen musst, um sie betrachten zu können.
Sie wurde von Heinrich Sunderbeck gestiftet. Das wissen wir, weil sein Wappen an der Konsole zu sehen ist, auf der die Figur steht.

Sunderbeck war Gründungsmitglied der Antonius-Bruderschaft. Die Antonius-Bruderschaft war eine der vielen geistlichen Gemeinschaften im spätmittelalterlichen Lübeck, die sich zum Zweck der gegenseitigen Unterstützung und der Armenfürsorge gegründet hatten. Ab 1457 unterhielt die Antonius-Bruderschaft auf dem Vorplatz der Marienkirche eine Bude zur Verteilung von Almosen an die Bedürftigen. Vermutlich stiftete Sunderbeck die Antonius-Skulptur anlässlich der Einrichtung dieser Bude. Leider wissen wir nicht wer die Skulptur gearbeitet hat. Ob der Bildhauer in Lübeck seine Werkstatt hatte und den Stein aus der Region um Münster bezog? Oder entstand das Werk bereits in Westfalen und wurde fertig über Land nach Lübeck transportiert?

Die Skulptur war bemalt. Offenbar galt also für die Steinskulptur das Gleiche wie für Holz: das Material sollte kaschiert werden. Wichtiger als das Material war die inhaltiche Aussage des Bildwerkes: Der Heilige Antonius besiegt das Böse! Antonius tritt auf einen Dämon, der vor Schmerz aufheult. Beeindruckend! Und genau das sollte dargestellt werden: Eine überzeugende Geste der Überwindung des Bösen. Mit Farben gelang das sehr anschaulich. Erst viel später wird das Material zum Teil der künstlerischen und inhaltlichen Aussage. Dafür müssen wir die Zeit vorspulen - bis zum 17. Jahrhundert.

Die Eleganz des Marmors

Es ist die Zeit des Barock in Norddeutschland, die von der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts reicht. Doch Vorsicht: Die Epoche des Barock lässt sich nicht genau abgrenzen. Sie begann, ebenso wie die Gotik oder die Renaissance, nicht in einem bestimmten Jahr. Zudem hatten die Menschen damals keinen Begriff für das, was künstlerisch im Übergang von einer Stilrichtung zur nächsten geschah.

Die heute gebräuchlichen Epocheneinteilungen sind erst viel später entstanden und dienen als Hilfsmittel zur zeitlichen Orientierung. Diese Einteilungen sind oft nützlich, aber nicht immer eindeutig.

Für unsere Zwecke ist es hilfreich, den Barock als einen Stil zu verstehen, in dem das Material Marmor eine bedeutende Rolle spielte. Marmor ist eine besondere Variante des Kalksteins und besteht somit aus Kalk. Deshalb sollte man bei säurehaltigen Reinigungsmitteln oder Lebensmitteln auf einem Marmortisch Vorsicht walten lassen, denn die Oberfläche wird dadurch verätzt.

Marmor war bereits in der Antike ein beliebtes Material für Skulpturen und Reliefs und blieb dies in Italien über viele Jahrhunderte. In Deutschland gibt es dagegen keine nennenswerten Marmorvorkommen. Das ist ein Grund dafür, dass Marmor im Mittelalter bei der Herstellung von Skulpturen keine Rolle spielte. Ein weiterer Grund liegt darin, dass im Mittelalter bunte Farben und Gold sehr beliebt waren. Mit der Renaissance änderte sich dies jedoch, denn die Kunst der griechischen und römischen Antike wurde wiederbelebt und neu interpretiert. Dadurch veränderten sich auch die Anforderungen an die verwendeten Materialien.

Bunter Marmor

Und wie so oft ist es auch beim Marmor kompliziert: Es gibt nicht den einen Marmor. Marmor ist keinesfalls immer weiß. Er kann schwarz, rot oder grün sein und dekorative Adern aufweisen.

All diese Farben und Varianten nutzte der Bildhauer Thomas Quellinus für die Herstellung des sogenannten Fredenhagen-Altars. Er schuf eine eindrucksvolle Kulisse aus Architekturelementen aus verschiedenfarbigem Marmor. Vor dieser Kulisse agieren Skulpturen aus weißem Marmor. Ihre Oberfläche schimmert, und trotz Schmerz und Leid wirken sie elegant. Wie anders erscheinen diese Skulpturen im Vergleich zu den buntbemalten Holzfiguren des späten Mittelalters! Ein weißer Stein mit schimmernder, wächserner Oberfläche dient nun als Ausdruck der göttlichen Botschaft – nicht mehr das glänzende Gold.

Der Kontrast zwischen schwarzem und weißem Marmor ist typisch für den „flämischen Barock“. Thomas Quellinus war ein berühmter Vertreter dieser Epoche. Er stammte aus Antwerpen. Seine Kunst wirkte nicht zuletzt durch den Fredenhagen-Altar auf die norddeutschen Bildhauer und beeinflusste ihr Schaffen unter anderem in und um Lübeck.

Kostengünstigere Werke schufen ortsansässige Bildschnitzer aus Holz. Um den Eindruck von echtem Marmor zu erwecken, wurden die Skulpturen und architektonischen Aufbauten in den Werkstätten bemalt: Die Skulpturen erhielten gedeckte Weißtöne, während die architektonischen Elemente wie Säulen, Sockel, Giebel und Gesimse in Weiß und Schwarz oder mit Imitationen von geädertem Marmor gestaltet wurden.
Diese Marmorimitat-Malereien reichen von plakativen, leicht zu durchschauenden Täuschungsmanövern bis zu künstlerisch anspruchsvollen Fassungen. Also Vorsicht bei Werken aus Marmor – es könnte auch Holz sein oder beides. Kosteneffizienz ist nicht nur heute ein Thema ...

Eine andere Maria

Wir machen nun einen großen Sprung durch die Jahrhunderte ins 20. Jahrhundert, genauer gesagt in die 1920er Jahre. Damals kam eine weitere Marienfigur in die Marienkirche. Das ist etwas überraschend, denn die Zeit, in der fromme Bürger*innen Heiligenfiguren für ihre Kirche stifteten, war damals längst vorbei. In Norddeutschland hatte diese religiöse Praxis fast schlagartig mit der Einführung der Reformation (Lübeck: 1531) geendet. Marienfiguren waren seitdem höchstens noch Bestandteile von Kreuzigungsgruppen, wie etwa beim Fredenhagen-Altar.

Die „andere“ Maria aus Stein unterscheidet sich in nahezu allem von der mittelalterlichen Darsow-Madonna: Sie ist in überlängerten Proportionen dargestellt, in einem Moment intensiver andächtiger Versenkung. Ihr Gesicht ist zum Himmel gewandt. Sie trägt kein Kind bei sich. Diese Maria ist eine moderne, expressionistische Interpretation der Figur Maria, der Mutter Gottes. Das subjektive religiöse Empfinden steht hier im Vordergrund, nicht die Rolle Mariens als Mutter Jesu.

Offenbar war dies der Grund, warum eine Kirchengemeinde in Süddeutschland dieses Kunstwerk des Bildhauers Hans Schwegerle ablehnte. Es entsprach nicht ihren Erwartungen. Schwegerle, der 1882 in Lübeck geboren wurde, hatte auch nach seinem Weggang nach München weiterhin sehr gute Kontakte zu seiner Heimatstadt und so war es sicher ein Leichtes, die "Ungewollte" in Lübeck in gute Hände zu geben.

Hans Schwegerle fertigte vor allem Skulpturen und Medaillen an. Zeit seines Lebens blieb er für Privatpersonen und Institutionen in der Hansestadt tätig. Seine künstlerische Wandlungsfähigkeit wird deutlich, wenn man die Figur in der Marienkirche (1920) mit der Christusfigur an der St. Lorenzkirche in Lübeck (1908) vergleicht. Schwegerle "ging mit der Zeit".
In Lübeck gab es offenbar weniger Berührungsängste gegenüber einer modernen Maria, die sich als Identifikationsfigur für gläubige Menschen anbot.

Unfertig? Suchend!

Heute fristet die "andere" Madonna ein Schattendasein in der nicht öffentlich zugänglichen Bürgermeister-Kapelle. Etwas verschämt steht sie vor einer Wand und verschwindet fast darin. Ihre überlangen Proportionen und die Einfärbung des Steins machen sie in dieser Umgebung fast unsichtbar. Das ist wohl auch so gewollt, denn Hans Schwegerle war aus heutiger Sicht kein unproblematischer Zeitgenosse. Er trat schon früh der NSDAP bei und fertigte Medaillen für das NS-Regime an. Die Maria wird dadurch zu einem Kunstwerk, das brisante Fragen aufwirft, zum Beispiel, inwieweit ein Kunstwerk von der Persönlichkeit seiner Künstler*in und deren politischen Ansichten getrennt werden kann und sollte.

Die "andere" Maria entstand in einer Zeit, in der die Künstler*innen ihre Materialwahl frei treffen konnten. Ausschlaggebend war allein die künstlerische Gestaltung, nicht das regionale Vorkommen eines Werkstoffes oder gar Zunftverordnungen. Schwegerle begann seine Laufbahn als Fotograf und spezialisierte sich später auf die Bearbeitung von Stein und Metall.

Seine Maria ist ein vollplastisches Werk aus Stein, ähnlich wie die Darsow-Madonna. Doch anders als sein Kollege aus dem 15. Jahrhundert wollte Schwegerle keine in Proportion und Gewandung realitätsnahe Figur schaffen. Für ihn stand der Ausdruck der Figur im Vordergrund — das subjektive religiöse Empfinden. Damit verband er sich mit dem zeitgenössischen Expressionismus, der in den 1910er Jahren die künstlerische Moderne in Deutschland prägte.

Die Suche nach Ausdruck zeigt sich auch in der Gestaltung der Oberfläche. Hans Schwegerle glättet den Stein nicht, sondern belässt die Werkzeugspuren der Bildhauer-Raspel deutlich sichtbar. Sie sind Teil der künstlerischen Gestaltung — Ausdruck des Unfertigen, des Suchenden. 

Nichts ist für die Ewigkeit

Auch Stein ist nicht unvergänglich. Auch er unterliegt im Laufe von Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten Veränderungen durch äußere Einflüsse wie beispielsweise klimatische Schwankungen. Diese Veränderungen verlaufen jedoch sehr langsam und sind für uns Menschen kaum bemerkbar.

Für uns sind sie Symbole der Ewigkeit – die Monumente von Stonehenge und Avebury, die prähistorischen Megalithgräber, die Pyramiden in Ägypten und Südamerika, die antiken Tempel und Kultstätten, die gotischen Kathedralen und schließlich auch die Steinskulpturen und Grabmäler der Marienkirche. Sie werden uns noch viele weitere Jahrhunderte überdauern, sofern Umweltkatastrophen oder Kriege ihnen nicht ein frühes Ende bereiten.

Auch Stein benötigt Pflege, regelmäßige Wartung und gegebenenfalls konservierende Maßnahmen. Das kostet Geld und erfordert immer wieder die Entscheidung der Gesellschaft: „Ja! Wir wollen sie erhalten – als Zeugen unserer gemeinsamen Vergangenheit – weltweit.“

Wie verletzlich Steine sind, hat in Europa nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg gezeigt. Er hinterließ tiefe Wunden an den Denkmälern der Marienkirche. Nicht in jedem Fall konnte oder wollte man diese Wunden schließen. Während die in kleinste Einzelteile zerborstene Darsow-Madonna durch eine umfassende Restaurierung vollständig „auferstanden“ ist, behielt man an den Figuren des Fredenhagen-Altars die Zeichen der Zerstörung bei. Die Figuren – Maria, Johannes, der Gekreuzigte, die Allegorie des Glaubens – sind trotz ihrer Ausbrüche und Abplatzungen noch gut erkennbar. Sie tragen nun auch die Spuren der Vergänglichkeit. Bis in alle Ewigkeit?